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Ein Abschied, der traurig und schön zugleich war

abschied Apr 01, 2025

Eine persönliche Geschichte vom Abschiednehmen

Traurig, aber schön.

Die Zeit seit meinem letzten Newsletter war lang und kurz zugleich – anstrengend, aber auch tröstlich.
Mein Vater hat gespürt – und gesagt –, dass es seine letzten Wochen im Leben sein würden.
Er wollte immer selbstbestimmt leben. Und so wollte er auch selbstbestimmt gehen.

Da es hier keine aktive Sterbehilfe gibt und ihm medizinisch nicht mehr geholfen werden konnte, hat er beschlossen, nichts mehr zu essen. Er hatte ohnehin keinen Appetit.
Er stellte auch alle Medikamente ab – bis auf Schmerzmittel und Magenschoner.

Ich habe ihm gesagt:
„Du bist keine Last für uns. Wir pflegen dich gerne – auch länger.“
Aber seine Antwort blieb gleich.

Er saß seit drei Jahren vollständig im Rollstuhl, wurde immer schwächer, konnte irgendwann ohne Hilfe nicht mehr aufstehen oder zur Toilette gehen.
Er sagte schon früher:
„Wenn ich nicht mehr selbst aufs Klo gehen kann, mag ich nicht mehr.“

Und dieser Moment war nun da.


Das Krankenhaus entließ ihn – auf unseren Wunsch – nach Hause. Mein Bruder und ich übernahmen die Pflege.
Zuerst haderte ich: Will ich das? Kann ich das?

Aber dann hat mein Mann mir erzählt, was mein Vater ihm anvertraut hatte:
Er wollte einfach noch einmal mehr Zeit mit uns Kindern.


So war ich jeden Morgen bis mittags bei ihm, mein Bruder kam nachmittags und abends.
Ich kann mich nicht erinnern, wann ich jemals so viel Zeit mit meinem Papa verbracht habe.

Zehn Tage lang ging das so. Dann holten wir zusätzlich einen Pflegedienst. Ich brauchte einen Tag Pause.

Am 12. Tag, als ich wieder zu ihm fuhr, rief mich die Pflegerin an:
„Kommen Sie schnell, es sieht nicht gut aus.“

Als ich ankam, sagte sie:
„Seine letzten Worte waren: 'Meine Tochter, meine Tochter.'“

Er lächelte, als ich ans Bett trat.


Ich nahm sein Gesicht in meine Hände und sagte:
„Ich bin da. Ich gehe nicht weg.“

Mein Bruder war nicht erreichbar. Die vielen Erfahrungen mit Sucht in unserer Familie – sie lassen mich heute noch an Verlässlichkeit zweifeln.

Ich weiß heute: Deshalb liebe ich meinen Vater – und meinen Mann – so sehr. Sie waren einfach da. Immer.

Ich rief meinen Mann an. Ich weinte. Ich sagte:
„Bitte komm.“
Er kam. Und wir saßen gemeinsam bei meinem Vater.

Er erkannte auch ihn – und lächelte.


Irgendwann sagte ich:
„Ist es nicht furchtbar, hier zu sitzen und zu warten, bis es vorbei ist?“

Mein Mann sagte:
„Wir warten nicht. Wir sind einfach hier.“

Ich werde diesen Satz nie vergessen.
Ich legte mich zu meinem Papa. Meine Wange an seiner Schulter. Eine Hand in seiner, die andere auf seiner Brust.

Wir hielten einander. Und ich glaube: Wir haben uns gegenseitig die Angst genommen.


Irgendwann spürte ich: Es verändert sich etwas.
Ich sagte:
„Papa, du darfst jetzt die Augen zumachen.“

Mein Mann wiederholte es – und wie durch ein Wunder schloss mein Vater die Augen.
Für immer.

„Sehr gut, Papa. Das hast du toll gemacht.“
Ein paar Minuten später ist er gestorben.


Beinahe ungläubig haben wir uns angesehen.
Und dann haben wir verstanden, was für ein schöner – und natürlich trauriger – Abschied das war.

 

Diese Woche ist die Beerdigung.
Ich bin traurig. Aber ich bin im Frieden.

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